Was sagt Chef – Handicapper Harald Siemen in seiner regelmäßigen Kolume bei Deutscher Galopp über Asker und dessen Erfolg im Dr. Busch Memorial ? Hier können sie es im Originaltext lesen.
Blog: Chefhandicapper Harald Siemen
Das Rad der Geschichte
29. April 2026
Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lässt. Diese Redewendung ist zu einem geflügelten Wort geworden und wird häufig Karl Marx und Friedrich Engels und ihrem Kommunistischen Manifest von 1848 zugeschrieben, wo sinngemäß von Klassen die Rede ist, die sich gegen den Fortschritt stemmen. Bis heute dient sie als Mahnung: Wer an überholten Zuständen festhält, verliert den Anschluss.
Das gilt auch für den Galopprennsport. Entsprechende Klagen beginnen fast immer mit dem Wort „früher“ und enden in einer Welt, in denen alles viel besser gewesen sein soll: Vollere Rennbahnen, höhere Wettumsätze, „echte“ Buchmacher, und keine Rennen, die schon kurz nach dem Frühstück gestartet wurden. Trainer waren Persönlichkeiten, keine Manager, Besitzer Idealisten, nicht Investoren. Kurz: eine Welt, die überschaubarer und – zumindest in der Erinnerung – ehrlicher wirkte. Doch dieser Blick zurück verklärt. Der Galopprennsport hat sich verändert und mit ihm seine Rahmenbedingungen. Digitalisierung, verändertes Freizeitverhalten, strengere Regulierungen und ein wachsendes Bewusstsein für Tierschutz prägen die Gegenwart.
Sichtbar wird dieser Wandel auch an der sogenannten „klassischen Route“, die einmal den Weg für die besten Dreijährigen zum Deutschen Derby vorgab. Als das Dr. Busch-Memorial 1960 zum ersten Mal unter diesem Titel gelaufen wurde, da schwärmte die Sport-Welt: „Dieses Rennen ist eine Sensation. Ganz unerwartet früh kommt es zu einer Begegnung vieler Derbykandidaten, der Mehrzahl der Cracks der großen Ställe.“ Das war nicht übertrieben, denn drei der vier Erstplatzierten des damaligen Rennens – Wiener Walzer, Alarich und Naretha – kamen später auch im Derby unter die ersten Vier, nur in etwas anderer Reihenfolge. Wer dagegen am vorigen Sonntag auf die Starterliste des diesjährigen Dr. Busch-Memorials – mit dem vorangestellten Titel „Der große Business Banking-Preis“ – sah, der fand mit Loucas und Charleston nur zwei Teilnehmer, die noch in der Nennungsliste für das Deutsche Derby stehen. Dafür besaßen die restlichen fünf eine Option für die German 2000 Guineas in vier Wochen in Köln – wieder ein Zeichen dafür, dass das Busch-Memorial keine Derbyvorprüfung mehr ist, sondern ein Rennen für Distanzspezialisten. Man kann das bedauern – ich tue es auch – gerade mit Blick auf Pferde wie Nebos, Lagunas, Lomitas, Platini, Samum, Next Desert oder Soldier Hollow, die alle im Busch-Memorial erfolgreich waren und bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Tempi passati.
Das Rad dreht sich weiter.
Der aktuelle Sieger Asker passt dabei ins Bild. Echte Begeisterung konnte bei seinem Sieg nicht aufkommen, dafür war seine bisherige Laufbahn zu unauffällig gewesen. Dabei hätte man sich nur an den vorjährigen Sieger und damaligen Trainingsgefährten Namaron erinnern müssen, der mit einem verblüffend ähnlichen Profil ins Busch-Memorial gegangen war: zwei Siege, eines auf Gras, ein anderes auf Sand und ein dritter Platz in einem kleinen Siegerrennen in Mülheim. Mit Leon Wolff hatten beide zudem noch denselben Reiter im Sattel.
Doch hier endet die Gemeinsamkeit. Während Namaron leicht gewann, musste Asker hart kämpfen, um den ständig attackierenden Loucas nach Fotoentscheid hinter sich zu lassen. Eine Länge dahinter endete der favorisierte englische Hengst Commander´s Intent, der als Maßstab für die Bewertung dienen soll. In seinen drei Rennen zuvor – Prix Saraca, The Tattersall Stakes und Zukunfts-Rennen – hatte er jeweils eine Leistung von 90 kg gezeigt, und es spricht wenig dagegen, diesen Wert auch hier anzusetzen. In Anbetracht der Abstände im Ziel (Kopf, eine Länge) ergeben sich daraus 91 kg für Loucas und 91,5 kg für Asker. Positiv bleibt die Zeit von 1:43,06 Minuten für die 1700 Meter, die zweitschnellste in der Rennhistorie nach Dragon Lips, der vor neun Jahren sechs hundertstel Sekunden schneller war. Einen Teil der fünf Erstplatzierten wird man in vier Wochen in den klassischen German 2000 Guineas in Köln wiedersehen, vielleicht sogar alle fünf. Immerhin eine Perspektive.
Fotos: Marc Rühl

