Rennbahnstr. 100, 50737 Köln Weidenpesch
Aktuelles
Starter
Rennstall
Erfolge

CHIEFLAND’S DERBYRITT

27. 07. 2026

Wie erinnern uns natürlich gerne noch einmal kurz zurück. Beim 157. Deutschen Derby auf dem Horner Moor in Hamburg, kamen der von Henk Grewe für Liberty Racing Gold vorbereitete Hengst Chiefland überraschend als Zweiter ins Ziel.

Auffällig war dabei die von seinem aus England eingeflogenen Jockey Cieren Fallon eingeschlagene Taktik: Auf der Suche nach der Spur mit den besten Bodenverhältnissen, nutzte er aus einer der äußeren Startboxen von Beginn an.die ganze Breite der Bahn. In den Bögen stets innen, in den Geraden aber immer ganz außen zu finden. In einem so wichtigen Rennen hatte man dies so konsequent durchgeführt kaum zuvor schon einmal gesehen. Fast wäre diese angedachte Taktik auch voll aufgegangen – siebzehn Gegner, darunter alle Favoriten, ließ er hinter sich. Nur einer blieb vor ihm und das war mit Delgardo ausgerechnet der drittgrößte Außenseiter im Feld

Der Schachbrett-Ritt – Gratwanderung zwischen Physik und Geometrie

Was auf den ersten Blick wie ein riskantes Experiment wirkte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein taktisches Meisterstück. Es ist das Spiel eines Jockeys, der die Rennbahn nicht als bloße Fläche begreift, sondern wie ein Schachbrett liest. Wer verstehen will, warum Fallon sein Pferd so präzise über das Geläuf steuerte, muss die vermeintlich „wissenschaftliche“ Komponente hinter der Spurwahl entzaubern. Es geht um das Spannungsfeld zwischen Geometrie und Physik – ein Schachbrett-Ritt, der zeigt, wie man durch kalkulierte Entscheidungen das Maximum aus einem Pferd herausholt.

Kurven: Der Geometer am Zügel. In einem klassischen 2.400-Meter-Rennen wie dem Derby agiert der Jockey in den Bögen als reiner Mathematiker. Jeder Meter, den das Pferd in der zweiten oder dritten Spur verliert, ist ein Meter, der über die Renndistanz wertvolle Kraftreserven kostet. Die Taktik ist hier simpel, aber essenziell: Innen bleiben. Den kürzesten Weg suchen, Kraft sparen und das Pferd im „Flow“ der Gruppe halten. Hier zählt das Prinzip der Effizienz, um das Pferd für die entscheidende Phase frisch zu halten. Wer hier zu früh nach außen schert, bezahlt am Ende die Rechnung – meistens mit einem leeren Tank auf den letzten 200 Metern.

Gerade: Die Physik gewinnt gegen die Geometrie: Doch sobald das Feld in die Gegenseite und letztlich in den Einlauf einbiegt, dreht sich das Blatt. Das ist der Moment, in dem der “Schachbrett – Reiter” seine Strategie radikal ändert. Er weiß genau: Die Innenkante ist nach dem Durchlauf des Feldes meist „tot“. Der Boden ist aufgewühlt, tief und bietet keinen Halt mehr. Ein Pferd, das dort stur weiterläuft, verliert bei jedem Galoppsprung wertvolle Energie, weil der Abdruck im weichen Boden verpufft.

Hier beginnt die Physik: Der bewusste Wechsel nach außen, selbst bei freier Bahn an der Innenkante, ist dabei kein Zeichen von Orientierungslosigkeit, sondern eine kalkulierte Optimierung der Bodenverhältnisse. Warum? Weil dort die Bahn „frisch“ ist. Der Boden ist fester, die Traktion besser. Sein Pferd findet den nötigen Widerstand, um die gesamte Power aus der Hinterhand in puren Vortrieb zu verwandeln, statt durch mangelnde Bodenhaftung in den „tiefen“ Innenboden einzubrechen. Während die Konkurrenten innen um jeden Zentimeter Halt kämpfen, stürmt sein Pferd außen mit frischem Grip vorbei.

Fazit: Taktik statt Zufall : Der Schachbrett-Ritt ist das ultimative Spiel mit dem Risiko. Er erfordert ein unfassbares Gespür für den Untergrund und den richtigen Moment. Es geht darum, im Bogen ein „Geometer“ zu sein, der den Weg minimiert, und auf den Geraden zum „Physiker“ zu werden, der den Untergrund für sich nutzt – ganz nach dem Motto: Er spart dort, wo es um die Strecke geht, und investiert dort, wo es um die Kraftübertragung auf den Boden geht.

Man darf dabei jedoch nicht vergessen: Diese Taktik ist kein Allheilmittel. Sie setzt eine ordentliche Portion an grundlegender Klasse und Stehvermögen voraus. Nur ein Pferd, das physisch in der Lage ist, die durch den Spurwechsel verursachte Mehrdistanz durch einen überlegenen Antritt auszugleichen, kann diesen „Schachzug“ erfolgreich vollenden. Wenn man das nächste Mal sieht, wie ein Pferd trotz freier Innenbahn nach außen zieht, dann ist das keine Orientierungslosigkeit. Es ist eine kalkulierte Entscheidung: Der längere Weg außen ist der kürzeste Weg zum Sieg, wenn man das Pferd auf griffigem Boden endlich „fliegen“ lassen kann.

Im Falle von Chiefland war es ein gut angedachter, stark ausgeführter, am Ende jedoch nicht ganz belohnter Plan. Zumindest aber eine kleine, weitere Geschichte, wie sie eben nur ein Derby schreiben kann.

Fotos: Marc Rühl